LNP204 Factbook oder Fakebook, das ist hier die Frage

Feedback — Wahlmanipulation — Fake News — Linkverbot — e-privacy-Richtlinie der EU — Yahoo — Ströbele

Nach der Mammutepisode der letzten Woche gehen wir es wieder etwas kompakter an und begrüßen erstmalig Ingo Dachwitz in unserer Runde, der bei netzpolitik.org schreibt und sich zuletzt speziell mit der neuen EU-Richtlinie zu e-privacy beschäftigt hat, die einen Schwerpunkt in dieser Ausgabe darstellt. Dazu gibt es noch einiges an Feedback zur letzten Ausgabe und ein paar Kurzmeldungen sowie die kopfschüttelnde Zur-Kenntnisnahme einer realitätsfernen Verirrung der europäischen und nun auch deutschen Justiz zum Urheberrecht und Links.

Dauer: 1:24:49

On Air
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Prolog

Wahlmanipulation & Fake News

Wahlmanipulation & Hacking

Landgericht Hamburg verbietet wieder Links

e-privacy-Richtlinie der EU-Kommission

Neuer Yahoo-Rekord: 1 Milliarde

Ströbele tritt nicht mehr an

Epilog


In Zusammenhang mit dieser Ausgabe stehende Folgen

27 Gedanken zu „LNP204 Factbook oder Fakebook, das ist hier die Frage

  1. Steht denn nun wirklich fest, dass genau die Personen, die Persönlichkeitstests absolviert oder Spiele gespielt haben, von der Wahl(anti)werbung gezielt erfasst wurden? Oder war das Ziel der Zugriff auf das Profil? Es ist ja nicht ganz trivial, von allgemeinen Fragen und der Veortung in einem Raum auf spezielle pol. Ansichten und Reaktionen zu schließen.
    Oder wurde z.B. “nur” ein Algorithmus trainiert, der von den offen einsehbaren und per Werbung erfassbaren Daten auf die Ergebnisse des Tests schließen lässt?
    Die Umkehrung von Persönlichkeitsdaten zu konkreten Ansichten ist m.E. nicht hinreichend erklärt worden. Bräuchte man nicht in beiden Fällen weitere Vergleichsdaten?
    Es ist weiterhin für mich unklar, wie genau Cambridge Analytica vorgegangen ist. Auch der in der letzten Folge erwähnte Artikel verbringt viel Zeit mit der Persönlichkeitsverortung (von jemandem, der dort gar nicht gearbeitet hat), aber fast keine damit, wie die Umkehrung funktioniert.

  2. Angeregt durch unter anderem Eure Diskussion zum Thema Herstellerhaftung für DSL-Router, Webcams etc. habe ich einen Workshop zu dem Thema auf dem 33C3 eingereicht: https://events.ccc.de/congress/2016/wiki/Session:Haftung_für_Devices_und_Software_gestalten

    Über eine rege Beteiligung aller Diskutierfreudigen (und vor allem: Gestaltungswilligen) würde ich mich sehr freuen. Damit das fachlich nicht im ganz luftleeren Raum stattfindet, konnte ich auch schon Herrn @vieuxrenard gewinnen. Tag 2, 18:00, Hall C.1

  3. Ergaenzend zu dem, was Linus ueber die Rolle der Medien in Bezug auf “Fake News” sagte wuerde ich gern loswerden:

    Ja es ist wichtig, dass die Mainstreammedien ™ es schaffen, komplexe Sachverhalte zugaenglich zu machen. Noch wichtiger ist dabei aber, dass sie sie dabei nicht auf etwas herunterbrechen, dass das urspruengliche Problem nur unzureichend beschreibt. Besonders ist in den letzten Jahren viel schief gelaufen, glaube ich.

    Auch in den Mainstreammedien werden komplexe Zusammenhaenge haeufig so reduziert, dass es fuer den Rezipienten einfach wird, Position zu beziehen, und eine gute und eine boese Seite auszumachen. Das wird der viel zitierten komplexer werdenden Welt in der Regel nicht gerecht, und genau das ist die Kerbe, in die “Luegenpresse”-Schreier schlagen.

    Eine hervorragende Metakritik vom DLF, die die Einstimmigkeit der deutschen Medien in der griechischen Schuldenkrise sezierte gabs mal hier:
    http://www.deutschlandfunk.de/griechenland-krise-in-deutschen-medien-ungefragte.1170.de.html?dram:article_id=328300
    (mittlerweile leider nur noch als Transkript)
    Daran wird das Problem ganz gut deutlich, finde icht.

    • Das war schon immer so und ist vlt unumkehrbar zur einzig möglichen Praxis geworden. Die Leute in den Mainstreammedien stecken jetzt in einem verkrusteten Erwartungs/Lieferungs System aus dem keiner mehr ausbrechen kann. Deswegen trifft auch das “L” Wort es nicht. Eher “Zwangspresse”. Die wundern sich nur warum wir uns nicht mehr so mollig warm bei ihnen aufgehoben fühlen wie zu Zeiten des Kalten Krieges. Sprich, die denken das Problem liegt eigentlich bei uns weil wir ihr Freund/Feind Schema nicht mehr schlucken. Merkt man immer ganz gut wenn dann etwas abfällig über Alternativquellen berichtet wird (Zapp!). Nur noch ertragbar indem man sich was interessantes bei tagesschau.de zB. raussucht und dann selber nachforschen muss. Lästig, umständlich, Zeitraubend, aber anders gehts nicht. Sonst enden wir wieder beim “Reich des Bösen” dem “nächsten Hitler” und “töten für den Frieden”. Wie war das noch? “Wir Deutschen sind ja etwas Kriegsmüde und das ist ja auch verständlich” aber das müssten wir uns bei den ganzen Problemen in der Welt schnell abgewöhnen. Halleluja Mainstream…

    • Da schreibt man einmal was schnell in der Bahn und sieht erst später, dass man sich doch zwei Minuten hätte Zeit nehmen sollen.

      Sollte heißen “könnt ihr nicht noch einmal Hans-Christian Ströbele zu einem Art Abschlussgespräch einladen?”…

      Sorry

  4. Zum Vergleich mit der Obama-Kampagne habe nochmal etwas nachgelesen. Zunächst individualdatenbasierter Wahlkampf war für die Kampagne schon 2008 von Bedeutung. Ich verweise auf diesen Artikel von The Atlantic von 2009: How Democrats Won The Data War In 2008 Da fällt auch der Begriff “psychographic voter targeting”.

    Für die Frage, was nun im Detail gemacht wurde, verweise ich auf Teil 2 eines Features, das bei FiveThirtyEight veröffentlicht wurde (Politik-Internetseite, die unter anderem Nate Silver gegründet hat): A History Of Data In American Politics: Obama 2008 To The Present

    Eine Aussage aus dem Begleittext (das ist ein gekürztes Transkript, genauer Wortlaut siehe Podcast):

    Daniel Kreiss: In 2008, the Obama campaign really started to do predictive level modeling and individual level modeling. The older method for targeting voters was to generate static microtargeting categories of voters based on polling at a particular moment in time.

    The insight that Obama staffers such as Dan Wagner had was that larger conceptual demographic or psychographic or behavioral groups didn’t really exist. Within every category of those voters, there was significant diversity. So what the Democratic Party did was move to a model that would be much more accurate if it was premised on individuals, not necessarily groups.

    und noch direkt aus dem Podcast (ab 3m):

    [Kreiss:] What they tried to do was aggregate as much data as possible on individuals and analyse millions of data points on the electorate more broadly and continually do that to score individuals on a predictive basis in terms of their likely opinions and actions such as turning out to vote and then testing these models over time of the campaign to improve them as much as possible.

    Und schließlich welche Daten wurden verarbeitet? Wieder aus dem Begleittext (zieht einem die Schuhe aus, was die so als “public data” ansehen. o_O):

    Kreiss: The foundation of all this is public data. Vote history. Party registration. Gender, age, geography. Things like marital status, children in the home. Race, in particular states. Any modeling is really built on these basic categories of public information.

    Die Nachfrage kommt, dass es Berichte gegeben hat, dass “the Obama campaign was using car dealership information and cable box information and all this sophisticated information”. Das beantwortet der Gesprächspartner (Daniel Kreiss) nicht direkt, aber indirekt scheint er es zu bejahen, weil er meint zusätzliche Daten könnten die Modelle verbessern. Ich vermute sie haben da auch Daten aus irgendwelchen Quellen eingekauft.

    Das bringt mich dann zu Cambridge Analytica. Alexander Nix hat dem Handelsblatt ein Interview gegeben, da es ein Premium-Angebot ist und ich es nicht gekauft habe, kann ich nur auf die Berichterstattung über das Interview zurückgreifen (hier ist anscheinend großzügig wiedergegeben). Demnach hat man Facebook-Likes nicht genutzt. Tatsächlich würden sie diese gar nicht für ihr Modell verwenden, sondern hätten selbst nur auf Facebook für die eigenen Tests geworben. Es ist natürlich eine interessante Frage, was man den Teilnehmern darüber erzählt, was mit den Daten aus dem Test gemacht wird. Es wird aber auch erwähnt, dass man es in Europa schwerer hätte, weil man dort nicht so einfach Daten einkaufen kann.

    Also wenn die wirklich eine Big Five-Persönlichkeitseinordnung ermitteln, um dann eine auf das Persönlichkeitsprofil zugeschnittene Botschaft zu geben, mag das erstmal als eine neue Qualität erscheinen. Aber Linus hatte in der letzten Folge ja gut herausgearbeitet, dass die Big Five-Dimensionen mit anderen Eigenschaften korrelieren. Es kann also gut sein, dass wenn ich etwa Informationen über Interessen sammle und darüber Kategorien bilde, zu ganz ähnlichen Einordnungen kommen kann, die für zugeschnittene Botschaften genutzt werden. Und soetwas hat die Obama-Kampagne denke ich schon gemacht oder wie der FiveThirtyEight-Begleittext zum Feature es sagt: “In 2008, Barack Obama’s campaign was able […] to track individuals within households and craft a message that helps drive them to the polls.” Und ich vermute stark, die Obama-Kampagne hat dazu ebenfalls Daten verwendet, die die Datensubjekte nicht wirklich für diesen Zweck autorisiert hatten.

    Übrigens worauf dieser Horizont-Artikel noch hinweist, die beiden Autoren von “Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt” habe sich selbst mittlerweile kritisch zu ihrem Artikel geäußert: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/auf-die-bombe-folgten-die-explosionen/story/23589810

    Eine solche Wahl-Datenoperation vorzustellen, wäre übrigens mal was für eine CC-Veranstaltung oder vielleicht die Republica im nächsten Jahr.

  5. Was hat es eigentlich mit dieser epischen Musik am Ende auf sich? Die gab es doch bereits letztes Mal. Welchen Zweck hat die und von wem ist die?

    Finde die echt gut. Irgendwie traurig, aber nicht fatalistisch. So nach dem Motto “der Winter ist hart, wir haben nur gerade so genug Vorräte, aber der nächste Frühling wird kommen!” :)

    • Das ist eine Neuvertonung des alten Tagesschau-Openers, auf dem das Intro von Logbuch:Netzpolitik basiert, in Moll. Eigens für die 200. Sendung angefertigt worden, glaube ich?

  6. Zum Thema e-Privacy:

    Bei Datenschutzbestimmungen ist es doch immer so, dass über ein opt-in des Nutzers alle Möglichkeiten wieder eröffnet. Also könnte Google doch bei der Einrichtung eines neuen Mail-Accounts die Inhalteauswertung zur Bedingung machen. Das wäre dann doch okay, oder? Also ist es nicht per se verboten.

    Das mit der VDS ist doch eigentlich ein Selbstläufer: Man dehnt den Bereich doch auf Messanger usw. (OTT-Angebote) aus, indem man diese einfach als TK-Dienst definiert. Damit lässt sich doch gar nicht verhindern, dass ein nationaler Staat die VDS entsprechend ausdehnt. In Deutschland wäre die BNetzA sogar dazu verpflichtet, da die Gesetzgebung explizit auf alle TK-Dienste anzuwenden ist. Ich wüsste nicht, wie man das argumentativ verhindern kann – wenn weiter die TK-Dienste-Schiene verfolgt wird.

    Ich denke auch mal, dass das der Deal ist. Die Staaten bekommen ihre Vollüberwachung, als Gegenleistung gibt es mehr Datenschutz.

  7. Medienkunde ist bereits in einigen Bundesländern ein Fach in der Schule. Ich mache das Thema mit Zehnt- bis Zwölftklässlern im Geschichtsunterricht, außerdem in einer Themenwoche in immerhin zwölf Schulstunden.

  8. Ich weiß nicht genau wo ich das am besten posten soll aber bei dem Podcast ist es mir aufgefallen.
    Irgendiwe haben es die neuerlichen Umstellungen verursacht, dass in meiner Podcastapp einiges kaputt gegangen ist.
    Die Feeds sind noch da aber die notification ist aus und der autodownload. Außerdem sind die Icons alle schwarz (also das Bild ist weggeflogen). Da das nur bei den Metaebene Podcasts so ist, andere Feeds noch normal sind und vor kurzem daran geschraubt wurde vermute ich dass das damit zu tun hat. (Android 7.1.1 mit podkicker 2.2.11 auf einem Nexus 5x)
    Kann mir auch nicht erklären wieso das passiert. Vielleicht lief da ein redirect und Podkicker macht als Reaktion darauf den autodownload aus oder so. Hab mich jedenfalls gewundert wieso bei mir die neuste Folge nicht ankam.

  9. Von wegen “Ufo”! Das Raumschiff Orion zerstört das terrestrische Internet!
    Es ist zwar jetzt unwichtig, zeigt aber, das Recherche und “Wahrheit” nicht so einfach sind. Im Podcast sind es schon (mehrere) Ufos, im Bericht eins:
    http://t3n.de/news/linkhaftung-lg-hamburg-776629/
    Und dabei war es ein deutsches-französisches Raumschiff, der “Schnelle Raumkreuzer” aus der Fernsehserie Raumpatrouille (1966, 7*1h).

  10. Hallo,
    was bedeutet es, dass die Berliner Polizei nach dem Ereignis am Breitscheidplatz per Twitter zum Safety Check auf Facebook verweist?

    Facebook hat #SafetyCheck geschaltet. Nutzen Sie ihn, um zu erfahren, ob Ihre Lieben sicher sind. #Breitscheidplatz

    Nicht Facebook zu nutzen hieße, Freunde in Unkenntnis zu Sachen, der hier aufgebaute Druck ist meinem Empfinden nach fragwürdig.

    https://twitter.com/PolizeiBerlin_E/status/810969636850335744

  11. Die Sache mit dem “Korrupte Hillary Emotionszeichen” ist übrigens auch ein wunderbares Beispiel für politisch motivierte Falschmeldungen, die überall als faktisch bestätigte Wahrheit weitergereicht werden. Auch wenn hier kurz am Rande erwähnt wird, dass das nicht die offizielle Begründung ist, bleibt doch hängen das es sich dabei um die eigentliche Wahrheit handelt. Es gibt nur eine nicht genannte Quelle für die Behauptung. Aus dem Beispiel mit der CNN Pornographie Meldung kann man ja sehen was den auf die Häme ihres Publikums setzenden Qualitätsmedien heutzutage als Quelle ausreicht.

    Von Trump hätte man ja eigentlich erwarten können das er es mit Twitter wie mit den Zeitungen macht und die einlädt um sie erst einmal nieder zu brüllen, wenn ihn das so sehr gejuckt hat.

  12. Zu der Frage, was man tun kann, würde ich vorallem empfehlen die Erwartungen allseitig zu dämpfen. Historiker haben ein Vielfaches der Zeit zur Verfügung, die Journalisten aufwenden um einen Sachverhalt zu klären. Das Ergebnis kann trotzdem sein, dass Ungewissheit bleibt. Für den Bereich, wo es eine Vergleichbarkeit der Felder gibt, also die unmittelbare Vergangenheit, bedeutet das, unsere Erwartungen an die Qualität von “Wahrheit”, die in 1-2 Stunden Recherchearbeit inklusive Schreiben erzielbar ist, ist viel zu hoch. Ich glaube, es ist ein Fehlglaube, den man korrigieren sollte, dass man durch Medienkompetenz dahin kommt zu wissen, was wahr ist. Realistischer ist in den kritischen Fällen die Ungewissheit eines Sachverhalts zu erkennen (und vielleicht sollte das Aushalten dieser Ungewissheit zu Medienkompetenz dazugehören). Ich fürchte das ist momentan weder der Anspruch an die Medien noch deren Selbstanspruch.

  13. Noch ein kurzer Nachtrag zu der “Die Russen haben die Wahl gehackt”-Story.
    Falls, und das mit aller gebotenen Vorsicht, der DNC-Hack wirklich von Russland aus orchestriert wurde, und falls dieselben Leute auch die Republikaner gehackt haben, aber das nicht veröffentlicht haben, um das Zünglein an der Waage Richtung Republikaner ausschlagen zu lassen im Wahlkampf,….dann sitzen einige Leute in Russland jetzt auf einem großen Koffer Kompromat gegenüber dem neuen amerikanischen Präsidenten….

  14. Hallo,
    ich habe mal eine Frage, warum kommt den keine neue Folge mehr. Habe ich was verpasst oder wurdet ihr nun doch von anonymus gehack? In dem Fall gab es keine Fischstäbchen.

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