LNP267 Wenn ein Postillon-Artikel nur noch einen Tag hält

Maaßen und die AfD — EU-Parlament billigt Uploadfilter und LSR — GCHQ-Verfahren — Brexit-Update — Hetzen in den Netzen — Aktivist gesucht — EU-Digitalsteuer — Termine

Wir sind ja einiges gewohnt, aber diese Woche war dann auch für uns schwer zu ertragen. Der Verfassungsschutz-Chef redet sich um Kopf und Kragen, aber niemand traut sich, seinen Kopf zu fordern und so taumelt die Republik auch weiter zahnlos und reaktionsunfähig herum obwohl es langsam mal an der Zeit wäre, Führung zu zeigen und den ausufernden Provokationen des Rechtsextremismus Paroli zu bieten. Stattdessen Ausreden und Schönfärberei, Protektion und Fake-News-Geschreie. Dazu kommt eine desaströse Entscheidung im EU-Parlament, die die kollektive Inkompetenz des Parlaments allzu deutlich zeigt. Ein einziger kleiner Lichtblick ist eine Entscheidung des EuGH zu den Methoden des GCHQ, aber mit dem sich aus der EU verabschiedenden Britannien wird das auch nicht viel Wirkung zeigen. Insgesamt alles recht deprimierend, also arbeiten wir weiter an unserem Galgenhumor und diskutieren Methoden zur Aufklärung von Menschen in Zeiten von Fake News und die drohenden Auswirkungen des Brexit.

Dauer: 1:46:25

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Hans-Georg Maaßen und die AfD

EU-Parlament befürwortet Uploadfilter und EU-Leistungsschutzrecht

GCHQ-Verfahren in Strasbourg

Die wichtigsten Fragen zum Brexit

Hetzen in den Netzen

Stellenausschreibung: epicenter.works sucht neuen Communications Manager

EU-Digitalsteuer

Termine

FIfFKon18

  • Berlin, 28. bis 30. September 2018: FIfFKon18

35C3 CFP

Epilog

33 Gedanken zu „LNP267 Wenn ein Postillon-Artikel nur noch einen Tag hält

  1. Hallo,

    ich unterrichte ja Sozialkunde und möchte was zu den Mediendiskussionen und der Medienkompetenz in der Schule sagen. Linus möchte, dass wir als Schulen das Leuten beibringen. Das findet strukturell nicht mehr statt. Das Bildungssystem lässt weder die Zeit zu, noch hat es ein Interesse daran. Dazu benutzen in meiner Alltagsempirie junge Menschen (16-22J meine Schülerschaft) eigentlich gar keine Nachrichtenmedien mehr. Und wenn dann maximal Angebote auf Youtube. Aber das nicht in der Menge… am Ende sind sie nicht falsch informiert, sie sind selektiv uninformiert. Darauf kann ich gerne Medienkompetenz unterrichten, aber mir wurden in den letzten Jahren Stunden gekürzt, Fächer zusammengelegt und ähnliches. Es ist weder Zeit noch Platz um das anständig zu machen.

  2. Dass man in einer Globalen Wirtschaft die Einnahmen dort versteuern muss, wo der Kunde sitzt, ist ein bürokratischer Alptraum.

    Ihr nehmt ja z.B. auch Geld von euren Hörern, dass ihr wahrscheinlich versteuern müsst. Stellt euch mal vor, ihr müsstet jedes mal ermitteln, von wo der Hörer die Zahlung macht und dann dort eine Steuererklärung abgeben.

    • Das ist natürlich bei einem digitalen Nischenprodukt (wie einem kleinen Podcast) ein bisschen schwieriger als bei einem global agierenden Versandhändler, der die Lieferadresse bei jeder einzelnen Sendung genau kennt. (Ja, auch Amazon verkauft digitale Güter.)

      • Das Problem ist aber beim AppStore ist Amazon nur der Mittelsmann und der Developer ist der Anbieter. Der muss sich um die ganze Sache dann kümmern wie er zuviel oder zu wenig entrichtet Steuern korrigiert.

  3. Kann es sein, dass Ihr den falschen Titel des Buchs von Milborn und Breitenecker gennant und in die Shownotes geschrieben habt? In den Links steht, dass das Buch “Change the Game” und nicht “Change Your Mind” heißt.

    Ansonsten wie immer vielen Dank für die vielen Stunden voller schlechter Nachrichten!

  4. Echt jetzt wir müssen über Wahrheit reden? Wahr ist das durch deine Sinnen vermittelte. Wahr ist was du fühlst [nennt sich dann Wahrhaftigkeit] und dann auch was du denkst. Wahr ist auch was die Gruppen in denen du dich bewegst glauben. Objektive aber trotzdem temporäre Wahrheiten liefern die Naturwissenschaften. Die Masse eines Elektron besteht weil sonst die Materie auseinander fällt was auch für andere Naturkonstanten gilt. Es gibt also eine bestimmte Form des Funktionierens auf die man sich einigen kann. Der Zweifel daran ist zulässig, wenn man das was belegt wurde auf diesem Feld durch Messungen also Beweise widerlegen kann.

    Wir können uns jetzt daran faszinieren dass Leute aus dem Netz auftauchen die ziemlich krassen Bullshit glauben.
    Sehr wahrscheinlich war das immer schon so nur das es nicht aufgefallen ist.
    Deine gefühlte Wahrheit ist im demokratischen Kontext eine Stimme wert.
    Fühl doch was du willst thats your buisiness – deine Handlungen gilt es zu bewerten.

  5. Hallo,
    Zu “Hetze im Netz“ ca. 01:04:00
    Von Berichterstattung, Recherche und Quellenkritik hast du doch nur Ahnung, wenn du intensiv mit Medien oder Wissenschaft zu tun hast. Und bisher sind wir mit dem Outsourcing dieser Arbeit an Profis gut gefahren. Geht in dem Moment nicht mehr, wo die gesamte Welt beschließt Flüsterpost zu spielen und das zum medialen Standard für den Infornmierten erhebt.
    Die Möglichkeiten zur kritischen Auseinandersetzung sind zwar alle da, aber unsere Debattenkultur ist das noch überhaupt nicht gewohnt. Ich habe auch im Polittalk oder Fersehberichten nie die gehört: “Können Sie das verifizieren?“
    Hier wurde der Medienkonsum gehackt, nicht zu unseren Gunsten …

  6. Hallo,

    ich kann mich nur Linus anschließen, Medienkompetenz muss gelehrt werden.

    Bis zu meinem 19. oder 20. Lebensjahr habe ich fest an Verschwörungstheorien geglaubt (9/11, Mondlandung, Chemtrails …). “Evidenz” kamen vor allem von Filmen wie Zeitgeist.

    Den Schwachsinn ausgetrieben hat mir der Zivi-Lehrgang, den jeder Zivi machen musste. Man wurde eine(?) Woche irgendwo einsperrt und musste an Lehrgänge zu sozialen Themen teilnehmen; in meinem Fall zu Verschwörungstheorien.

    Am Anfang bin ich noch mit dem Gedanken “mal sehen wie sich DAS System verteidigt” in den Unterricht gegangen, was sich aber schnell gedreht hat. Statt zu versuchen die Verschwörungstheorien (die alle Teilnehmer hatten) zu widerlegen wurde uns gezeigt wie sie funktionieren und wie man sie erkennt. Der Lehrer hat aufgezeigt wie man Informationen selektiert und verdrehen kann um die eigene Theorie zu stützen. Wie mit Fakten umgegangen wird die nicht ins Weltbild passen. Er hat uns gezeigt wie Cold Reading funktioniert und wir haben zusammen eine absurde Verschwörungstheorie gebaut.

    Selbst nach meinem Studium ist noch immer eine der prägendsten und wichtigsten Lehrveranstaltungen an der ich teilgenommen habe. Solche Kurse sollten meiner Meinung nach in den Schulen stattfinden und von Lehrerinnen die sich (so wie im Zivi-Lehrgang) darauf fokussieren.

    Viele Grüße
    Niko

  7. Hallo Ihr Lieben,
    ich hoffe man gestattet mir hier diese Off-Topic Frage:
    Welche Podcast App benutzt Ihr (nicht nur Tim und Linus) für iOS?
    Meine bisherige App (iCatcher) ruft nämlich viele Podcasts, obwohl es die jeweiligen Server anbieten, über http und nicht über https ab. Habe mir jetzt Overcast angeguckt, da kann ich als technischer Laie aber überhaupt nicht überblicken welcher Pfad benutzt wird.
    Ich freute mich über hilfreiche Antworten.

    Übrigens: Folgende Seite (https://logbuch-netzpolitik.de/abonnieren) wird mir als “unsicher” angezeigt, weil dieses Icon (https://logbuch-netzpolitik.de/files/2011/10/Subscribe_German.png) nicht über https abgerufen wird. Nur falls Euch das stören sollte…

  8. Hi Tim,

    um 00:39:49 sagst du, es wäre ja nicht klar, wie UK künftig zum Europäischen Gerichtshof nach dem Brexit stünde und wie das Urteil unter dieser Situation umgesetzt wird.
    Der EuGH spielt hier aber überhaupt keine Rolle. Es geht um den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), der unglücklicherweise einen allzu ähnlich übersetzten Namen hat. UK bleibt weiterhin Vertragsstaat der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) und ist bekannt dafür, insbesondere dessen Urteile besonders zu beachten (siehe dazu auch die interessanten Factsheets des Europarats: https://www.coe.int/en/web/execution/country-factsheets).

  9. Ich fand die Zusammenfassung zum Bexit-Status ganz hervorragend vielen dank dafür! Habe ich noch nirgendwo in der Klarheit sehen lesen oder hören können. Gerne weitere Updates in der Sendung.

    • Sofern Seehofer sich weigern sollte, wäre der nächste Schritt seine Entlassung.
      Die Frage ist aber, ob Merkel diesen Schritt gehen würde, weil das ein paar Konsequenzen für die Koalition hätte ;)
      Richtlinienkompetenz willst du halt nicht am laufenden Band geltend machen, siehe auch #Masterplan, Seehofers Ausraster des Vormonats.

  10. Zum “No Deal”-Szenario habe ich letztens mal eine hübsche Analogie im Economist gelesen:

    https://www.economist.com/leaders/2018/08/02/no-deal-is-often-better-than-a-bad-deal-not-with-brexit

    The trouble is that Brexit is nothing like buying a car. In most negotiations “no deal” means sticking to the status quo. […] The Brexit talks are different. If no deal is reached Britain will not maintain the status quo of its EU membership, but find its links to the continent abruptly and acrimoniously broken off. The metaphor is not buying a car, it is buying a parachute—having already leapt out of the aeroplane.

  11. Könnte ihr mal thematisieren, wie und warum YouTube-Faschos wie SchrangTV oder Tim Kellner es immer wieder schaffen, in die YouTube-Trends zu kommen?

  12. Just because it’s funny: Die britische Botschaft in Berlin sucht einen “Head of Communications Team” – der am besten einen Abschluss in Hogwarts gemacht hat, um das zu schaffen.

    „Main Duties / Responsibilities
    In collaboration with internal and external partners, to design and deliver engaging content and events which highlight and promote: the future UK-EU partnership; trade and investment opportunities; (…) and the UK’s reputation as an open and responsible partner“

    https://www.academics.de/jobs/head-of-communications-team-britische-botschaft-berlin-162568

  13. Zum Thema “Hetze in den Netzen”

    Tim hat bei ca. 1:04h argumentiert dass die Social Media Algorithmen die Leute zu diesen Verschwörungstheorien und rechten Spinnern treiben. Linus hielt dann die Medienkompetenz dagegen.
    Ich glaube der Tim hat da einen sehr validen Punkt, der wahrscheinlich noch allgemein unterschätzt wird. Auch Linus wollte den ja nicht so richtig annehmen. In diesem angesprochenen Ausschnitt aus “Change the Game” wird das gut illustriert. Es gibt ein ZDF-Video wo Dunja Hayali mit Demo-Teilnehmern in Chemnitz diskutiert (https://www.zdf.de/nachrichten/heute/dunja-hayali-ueber-ihre-erlebnisse-in-chemnitz-100.html) wo man auch den Eindruck bekommt dass sich viele Leute von der Realität abgekoppelt haben.
    Ich frage mich wie so viele diesen Film fahren können, dass uns die Migranten überrennen und es bald Bürgerkrieg gibt. Aktuell kann ich mir das nur mit den viel zitierten Filterblasen erklären die vom Facebook-Algorithmus kräftig angeheizt werden.

    Was tun wir jetzt dagegen? Sinn von Unsinn zu unterscheiden lernt man tatsächlich kaum in der Schule. Und was ist mit den ganzen Erwachsenen die längst aus der Schule raus sind? Selbst viele relativ gut gebildete Menschen glauben an Homöopathie oder sind Impfgegner. Stichwort Masern-Epidemie in Kreuzberg. Bildung ist wichtig, aber damit bekommen wir den aktuellen Zustand nicht mehr eingefangen. Ich glaube da hilft nur Druck auf die Social Media Konzerne, damit die Algorithmen die Leute nicht in diese Extreme treiben.

    • Würde helfen, jedoch ist die derzeitige Situation für alle Beteiligten die Beste. Es gibt derzeit doch gar keine Topthemen, außer Links- und Rechtsextreme, Flüchtlinge und Influencer, die die Fresse nicht aufkriegen (es sei denn, es winkt Kohle).

      Dazu muss man sich auch nur die letzten SPIEGEL Videos auf Youtube ansehen, deren Berichterstattung einfach nur vollkommen daneben ist. Auf dem ersten Blick. Die Situation soll schön weiter brennen sund dementsprechend sind die Beiträge konzipiert.

      Der Typ, der in diesem Video (https://youtu.be/pNx8fcne0AY) so rumschreit, lief zuvor übrigens mit dem Reporter-Team mit und wurde dann im Laufe der Demo irgendwann bei den anderen Merkel Gegnern ansässig. Nach der Brüllaktion ist er aber auch so schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war.

      Ich war da aus Neugierde, um mal zu sehen, wie so ein Team arbeitet, wie viele Personen die so ansprechen usw. (was nachher im Video gelandet ist, ist stark tendenziös).

      Ich finde es ziemlich bedenklich, wenn wir der AFD und ihren Anhängern so zu spielen. Das macht das Ganze noch viel schlimmer und ist überhaupt nicht hilfreich für die gute Sache, der offenen Bekenntnis, dass Faschismus hier nichts zu suchen hat.

      Grüße aus Hamburch!

  14. “Sobald ein neuer Verfassungsschutzpräsident gefunden sei, werde Maaßen ins Innenministerium wechseln und die Aufsicht für die Bereiche Innere Sicherheit und Cybersicherheit übernehmen, sagte Seehofer am Mittag.” [1]

    Da glaubt man jahrelang die Bundesregierung würde den Bereich digitale Entwicklung einfach verschlafen, dabei plant sie ihn als Endlagerstätte für ausgebrannte Inkompetentelemente. Die Strahlenschäden sind in diesem Bereich schon so hoch, da macht ein Verstrahlter mehr oder weniger auch keinen Unterschied mehr.

    [1]https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-09/andrea-nahles-ablehnung-hans-georg-maassen-bka-chef

  15. Lieber Tim,
    bei deinem leichten Intro für’s Horrorszenario eines No-Deal-Brexits musste ich an den detaillierten Blogeintrag von Charles Stross denken. Der hat vor ner kurzen Weile mal dieses Szenaria durchgespielt und seine Schlussfolgerungen sind geradezu apokalyptisch.
    https://www.antipope.org/charlie/blog-static/2018/07/that-sinking-feeling.html
    Absolut lesenswert. Vor allem, falls man sich den denkbar schlimmsten Ausgang mal überlegen will, sodass man danac positiv überascht werden kann, wenn es doch etwas besser funktioniert. Ich hoffe ja, dass das noch irgendwie umkehrbar ist. Dass da die Menschen irgendeine Zweite Umfrage machen. Selbst wenn die nicht formal bindend ist, stünde damit zumindest einmal fest, dass es auch (zertifiziert) eine gegenteilige Meinung des Volkes gibt. Denn was da gerade abgeht ist einfach nur schrecklich.
    Für andere Leser: Charles Stross hat übrigens die “sozusagen” Keynote vom letzten Chaos Communication Congress gemacht: https://media.ccc.de/v/34c3-9270-dude_you_broke_the_future

  16. Jedesmal, wenn Tim über den EU-Austritt von Großbritannien spricht, sehe ich mich genötigt auch nochmal etwas dazu zu sagen.

    Ich will mal eine Gegenthese in den Raum stellen: Wer sagt eigentlich, dass der Spuk mit der Rücknahme des Austritts vorbei ist? Die britische Gesellschaft wäre weiterhin gespalten. Die “brexiteers” könnten sofort beginnen eine Dolchstoßlegende zu spinnen und die EU-/europafeindliche Presse würde wohl kaum ihre Ausrichtung ändern. Möglicherweise säße die nächste UKIP-Evolutionsstufe bald wieder im Europäischen Parlament und würden die Ränge der EU-Gegner verstärken. Zusätzlich, wie schon letztens gesagt, dieser ganze Vorgang hat bereits jetzt enorme wirtschaftliche Kosten verursacht. Wie bestrafen wir Großbritannien eigentlich dafür, wenn wir sie zurücknehmen müssen und wer hätte den Mut dazu?

    Natürlich bin ich von einem geordneten Austritt ausgegangen. Dass sich Theresa May so stark verspekuliert hat bzw. wiederum nicht stark genug, als sie glaubte sich eine größere Mehrheit sozusagen als Referendumsdividende zu verschaffen, ist tatsächlich Pech. Die EU verhandelt zu einem großen Teil im Interesse ihrer institutionellen Selbsterhaltung. Im Prinzip richtig, aber auch hier gab es eine bessere Strategie. Man hätte von Anfang an darauf bestehen müssen mit Großbritannien ein Freihandelsabkommen nur so zu verhandeln, als wären sie ein Drittstaat. Damit wären viele britische Phantasien eingehegt worden. Nach einem Jahr, je nach Stand der Verhandlungen, hätte die Entflechtung der Wirtschaftsräume beginnen müssen. (Die ausstehenden Zahlungen von Großbritannien hätten in einem Freihandelsabkommen leicht als Sonderbezollungsrecht Platz gefunden.) Eine solche Rigorosität wäre notwendig gewesen, wobei sich wohl niemand diesen Grad an Dysfunktionalität vorstellen konnte.

    Ich gehe erstmal davon aus, dass der Austritt kommt. Deshalb zu den Bedenken: 1) Eine Wiedervereinigung mit Rest-Ulster wird wohl unausweichlich sein, egal wie gut die irische Volkswirtschaft dafür aufgestellt ist. Der Prozess wird aber vermutlich sowieso Jahre dauern. Dann kann es mit Nordirland (und den nordirischen Ansprüchen) in der allgemeinen UK-Malaise schon bergab gegangen sein. 2) Sollte Schottland unabhängig werden, könnte ein Beitritt schwierig sein, aber erstens vielleicht kommt es doch zu einer Aussöhnung in Katalonien, was die Lage entspannen würde, und zweitens glaube ich selbst Spanien wird sich zumindestens auf eine schottische Mitgliedschaft in der Europäischen Freihandelsassoziation herunterhandeln lassen. 3) Ich denke spätestens das entgültige Scheitern eines Nachfolgeabkommens im Oktober wird dazu führen, dass man die letzten Monate mit Vorbereitungen beginnt, so dass einige der vorgezeichneten Katastrophenszenarien so nicht eintreten werden, und die Wirtschaft den Austritt entgültig einpreist. Wobei die resultierenden wirtschaftlichen Einschnitte natürlich dennoch drastisch sind. Es gibt dagegen eine einfache Lösung: Eine Verlängerung des Mitgliedsstatus aushandeln. Ich bin aber nicht überzeugt, dass diese einem klaren Schnitt gegenüber zu bevorzugen ist, trotz der verschleppten Vorbereitungen.

      • Laut MI6?

        (Es gibt sicherlich Vorbereitungen auf vielen Ebenen und von vielen Akteuren, aber ich habe doch den Eindruck, dass Mays Regierung sehr lange darauf gehofft hat, die schlimmsten Auswirkungen nicht durch gute Vorbereitung sondern durch ein last minute-Abkommen abzufedern.)

  17. Zu Verschwörungstheorien: Das Niveau an Verschwörungstheorien, die wirklich massenkompatibel sind, geht ja über “die da oben” oder “wird alles vertuscht” nicht hinaus. Elaborierte aber versponnene Theorien à la Alex Jones sind jenseits ihres breiteren Unterhaltungswertes (für sich genommen nicht ungefährlich) ein Randphänomen, wobei sie dort zur Gesinnungsfestigung durchaus einen negativen Beitrag leisten. Sehr oberflächliche Verschwörungstheorien, am ehesten in Form von Motivzuschreibungen, würde ich dagegen zum reichweitenstärkeren Bereich der Nachrichtenfälschung bzw. Falschnachrichtenverbreitung zählen. Und daher ist glaube ich der Umgang mit Verschwörungstheorien nicht das Problem. Zumal sich das (bei denjenigen mit gewisser Plausibilität) auch deutlich entschärfen ließe, wenn die Medien mehr Ambiguität aushalten könnten.

    Zur “Lösung”: Ich denke mal Linus ist klar, wie hilflos der Verweis auf Fähigkeiten zur Einschätzung von Medieninhalten ist, die man irgendwo im Laufe seines Bildungsweges hätte erlernen sollen. Gleichzeitig übersieht selbst das unbewusste Wirkungen. Auch wenn man vier von fünf Nachrichten über Gewalt durch Migranten erfolgreich als Fälschung enttarnt, wird man demnächst vielleicht dennoch in politischen Diskussionen Einleitungen wie “Natürlich muss man auch etwas gegen Übergriffe durch Geflüchtete unternehmen” bringen, obwohl das mit Blick auf die Statistik selbst dann ein unnötiges Zugeständnis sein mag, wenn alle fünf Nachrichten richtig gewesen wären. Vielleicht kann man sich mit kognitiven Werkzeugen gegen die unbewusste Wirkung von entdeckten Fälschungen verteidigen (wobei ja selbst das von einem Teil der Forschung bezweifelt wird), spätestens bei allem was der Aufmerksamkeit entgeht und als gegeben hingenommen wird, helfen sie vermutlich nicht. Es ist eben eine Form der Umweltverschmutzung.

  18. Zum Brexit-Kommentar: die zitierte “irgendeine” Insel Madagascar hat seit 2009 ein Freihandelsabkommen mit der EU, ist also deutlich geregelter und mit mehr Berechtigungen als ein HardBrexit / NoDeal.

    Eine Übersicht gibt es unter
    https://de.wikipedia.org/wiki/Freihandelsabkommen_der_Europ%C3%A4ischen_Union

    Das Abkommen (bzw. BEschluss dazu) unter
    https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=uriserv:OJ.L_.2012.111.01.0001.01.DEU

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